Zu Besuch beim Joggl

Am Rande des Jogllands und der Waldheimat, versteckt im Hügelland der Oststeiermark, zwischen Apfelbäumen und Buschenschank-Kultur, schlängeln sich dutzende, oft schon vergessene Wanderwege durch die dichten Wälder. Altes Brauchtum und Handwerk reiht sich nahtlos an moderne Betriebe, einfache und rustikale Gaststätten mit Flair kämpfen um das Überleben neben den großen Hotels. Für uns Grazer ist all das weit entfernt, und doch nur in einer knappen Stunde mit dem Auto zu erreichen. Also nix wie hin, zum Joggl …

Wo hin genau?

Das Joglland, gemeinsam mit der Region Waldheimat, liegt in der nordöstlichen Steiermark und erstreckt sich über die Bezirke Hartberg-Fürstenfeld sowie Weiz. Der Name stammt angeblich von Jakob, der hier im Volksmund gerne „Jackl“ oder auch „Joggl“ genannt wird. Geographisch ist die Region vom Semmering, der Buckligen Welt, den Fischbacher Alpen sowie vom Grazer Bergland und dem Südburgendland eingegrenzt. Gar nicht mal so klein, aber recht dünn besiedelt. Und es ist nicht nur flach und eben hier im Osten Österreichs. Hier in der waldreichen Mittelgebirgsgegend kommt man kaum von einem Dorf ins Andere, ohne nicht auch ein paar Höhenmeter überwinden zu müssen. Der höchste Gipfel ist der Rabenwaldkogel mit 1.280 m, und genau diesen werden wir auch mit unseren Bikes erkunden.

Quasi Locals

Wir würden uns als Grazer ja quasi als Locals bezeichnen, befindet sich das Joglland ja nur wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze. Doch schnell wird klar, da kommt man ohne jegliche Gebietskenntnis nicht weit. Es liegt uns ohnehin fern, eine Region auf eigene Faust zu erkunden. Wir setzen auch hier, unweit unseres Wohnsitzes, auf das Know-How von echten Locals. Karl-Heinz von Pfadkundig ist mehr als erfreut, uns seine Heimat näher zu bringen. Er brennt regelrecht vor Tatendrang und wir müssen ihn bremsen, um noch vor Mitternacht wieder zuhause zu sein … ein Tag reicht nicht aus, um seine Lieblingstrails kennen zu lernen und in die Brauchtümer bzw. Kultur der Oststeiermark einzutauchen. Also bleiben wir einfach länger.

Most, Wein und Buschenschank

Trails sind bei uns ja bekanntlich nur eines von mehreren Puzzle-Teilen für eine gelungene Reise. Da wir natürlich viele Brauchtümer und altes Kulturgut aus der nahen Region kennen, sind die Ansprüche hoch um auch Besuchern von weiter weg einen tiefen Einblick in die Region zu ermöglichen. Klar ist, in die lokale Buschenschank-Kultur einzutauchen. Die Regeln für einen Buschenschank-Betrieb wurzeln in einem Gesetz von Josef II. Es dürfen nur Erzeugnisse (Getränke und kalte Speisen) ausgeschenkt werden, die selbst im Betrieb hergestellt werden. Ein Buschenschank ist daher nicht nur ein „Gasthaus“, sondern auch ein Bauernhof, ein Obstbauer oder Winzer-Betrieb. Viele Buschenschänke sind somit traditionsreiche, lange in der Region verwurzelte Familienbetriebe. Genau das Richtige für unsere Gäste, um sie ordentlich in der Oststeiermark willkommen zu heißen.

Hier rauchen nicht nur die Bremsen

Tagsüber zeigt uns Karl-Heinz seinen Spielplatz in den umliegenden Hügeln. Wir kurbeln mehr als 1.000 Höhenmeter und mit ein wenig Shuttle-Support sind es abends dann knapp das doppelte an Tiefenmeter. Das spüren wir in den Beinen und den Bremsfingern. Die Beschaffenheit der Trails ist eine Mischung aus Waldboden, Wurzeln und weiter oben auf den Hügeln sind sie auch mal mit Steinen versehen. Durchwegs als flowig würden wir die Strecken bezeichnen, das Gelände nicht allzu steil und wir bringen die Bremsen bei jeder Abfahrt zum Rauchen.

Heute hat Karl-Heinz etwas Besonderes für uns arrangiert. Zum Rauch der Bremsen gesellt sich jener einer traditionellen Rauchstube. Heute werden wir in die Lebensweise und Kultur der Bergbauern und Handwerker von einst eingeweiht. Die alte Rauchstube ist vollständig eingerichtet und wird immer noch zum Kochen und Selchen beheizt. Dann hängen unter der pech-schwarzen Decke die gebeizten Fleischstücke vom Tram im Rauch. Gelegentlich, und zu unserem Glück auch heute, wird noch ein „Häfennigl“ am offenen Herdfeuer gekocht. Wir befinden uns auf 800 m Seehöhe und der Wirt des Gasthauses „Zur Rauchstube“, Peter Almer, heizt gerade den Ofen für uns ein. Aufrecht stehen können wir nicht mehr, denn dann verschwinden unsere Köpfe im Rauch und die Luft wird knapp. Also schnappen wir lieber nicht nach Luft, sondern nach einem alten Sessel und schauen Peter staunend beim Kochen zu. „Nigl“ wurde hier früher der Kuchen genannt. Wenn der „Nigl“ aus dem „Häfn“ kommt, dann wird’s ein g’schmackiger Kuchen aus dem Topf, sagt Peter. Eine Speise aus Großmutters Zeiten – und wir sind uns sicher, diese auch verkosten zu wollen. Nach der mehr als üppigen Mahlzeit gehen wir nach nebenan. Denn da befindet sich ein kleines Bauernmuseum mit original erhaltener Einrichtung, bemalten Kästen, Werkzeugen der Bauern, Fassbinder, Weber und vielen anderen Berufen.


Ohne Mühe zur Mühle

Wir fallen müde ins Bett und ich muss an meine beiden Hunde denken. Nach einem erlebnisreichen Tag verarbeiten die beiden vieles im Schlaf. Dabei fiepen und quietschen sie, die Pfoten bewegen sich und die Augen werden verdreht. Erinnert uns stets an vom Teufel besessene Menschen in Kinofilmen. Die Augen fallen zu und mein letzter Gedanke dreht sich um die Frage, ob ich nachts wohl auch quietschen werde?

Nach einem üppigen Frühstück holt uns Karl-Heinz ab. Heute starten wir mit dem Shuttle und wir sind froh, nicht gleich wieder treten zu müssen. „Mittags kehren wir bei Rosi ein“, meint Karl-Heinz. Dort gibt’s Sterz und Bohnensuppe, erneut über offenem Feuer. Doch diesmal kein Rauch, sondern das Plätschern des Wassers wenn es über das alte Mühlrad läuft. Die Mühle im Märchenwald befindet sich am Ende einer tollen Trail-Abfahrt. Stehen bleiben, vom Sattel steigen, Steckerlbrot ins Feuer halten.

Als Vorspeise gibt’s die (nicht nur) bei Kindern beliebte Mahlzeit zum selber Machen. Ein Stück Braunschweiger mit Teig ummantelt am Spieß und ab zur Feuerschale. Der kulinarischen Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt – man darf aufspießen worauf man Lust hat. Seltene Kreationen kommen dann zu Tage. Karl-Heinz veranstaltet hier seine Mountainbike-Camps für Kinder. Und wir wünschen uns, wieder jung zu sein.


Als Hauptspeise serviert Rosi Sterz mit Bohnensuppe. Als Sterz werden einfache Gerichte in klein-bröckeliger From aus verschiedenen Mehlsorten bezeichnet. Der Heidensterz wird mit Buchweizenmehl gemacht, der Türkensterz aus Maismehl und der Brennsterz aus Roggenmehl. Es gibt weitere Varianten aus Weizengrieß, Kartoffeln und Bohnen. Wir sind mehr als satt und hoffen, das Stamperl Schnaps zum Abschied lässt den Bauch entspannen.

Der Herr Rosegger

Auch wenn wir hier nur am Rande von Peter Roseggers Waldheimat unterwegs sind, ist der Waldbauernbub auch hier immer wieder präsent. Eigentlich schrieb er sich früher Roßegger, doch weil in seiner Heimat am Alpl mehrere den gleichen Namen trugen, und er einige davon so gar nicht leiden konnte, wurde der Name geändert. Durch seine Kritik an der Monarchie und der staatlichen Verwaltung in seinem Roman „Jakob der Letzte (1988)“, stellte er die Behörden und reichen Kapitalisten als Feinde der steirischen Bauern hin. „Der Staat nimmt den Bauern durch Steuern ihre Existenz und durch das Militär ihre Söhne“, so Rosegger. Auch heute noch ist die ländliche Region von Abwanderung betroffen, das bäuerliche Leben aufgrund des Preisdruckes und der Billigwirtschaft nicht gerade einfach. Der Tourismus soll die Gemeindekassen wieder langsam füllen, die Betriebe kaufen bei den Bauern um die Ecke und Bewusstsein für Regionalität wird damit nicht nur bei den Einheimischen, sondern auch bei Besuchern und Urlaubern geschaffen.

Wir spazieren noch rasch in die nächste Buchhandlung und holen uns „Als ich noch ein Waldbauernbub war“, um tiefer in das Leben von Peter Rosegger einzutauchen. Doch dann ruft uns Karl-Heinz zu sich. Der Tag ist noch nicht zu Ende, und er hat uns noch so viel zu zeigen.

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