Mountainbiken in Georgien

Innsbruck, Mai, eine folgenschwere Entscheidung bahnt sich an: nach einer lässigen Runde Biken am Arzler Alm Trail mit meinem Spezl Simon stehen wir wieder unten an der Hungerburgbahn. Nochmal hoch, oder doch noch bei der Alpinmesse vorbeischauen? Anscheinend ist der Eintritt für uns frei, und da gibt’s auch ein Gewinnspiel. Nichts wie hin, für Studierende üben die Wörter kostenlos oder Gewinnspiel eine besondere Anziehungskraft aus. Der Gewinnspielzettel wird gleich als Erstes ausgefüllt, vielleicht hab ich ja diesmal Glück. Anschließend ein bisschen umschauen, neue Ausrüstung braucht man ja irgendwie eh immer. Und dann geht alles ganz schnell …

Glückskäfer ahoi

Wie viel Glück ich an diesem Tag hatte, wird mir erst sehr viel später bewusst. Ein bisschen schon auf der Bühne der Alpinmesse, wo mir Rene die große Bikefex-Reisetasche und, viel wichtiger, einen Gutschein für acht Tage Mountainbiken in Georgien überreicht; und so richtig dann im Herzen des Tusheti Nationalparks, erschöpft und zufrieden nach hunderten Höhen- und Tiefenmetern inmitten eines überwältigenden Bergpanoramas und einer wunderbaren Radlergruppe.

Wer eine Reise tut …

Aber zurück zum Anfang: Ich brauche erstmal ein paar Tage, um zu realisieren, dass ich tatsächlich mal was gewonnen hab; und dann auch noch eine Reise, nach Georgien. Wo ist das nochmal genau? Vielleicht sollte ich meinen Reisepass doch mal erneuern …

Da ich als Student zwar kaum Geld, dafür aber ein bisschen mehr Zeit habe, habe ich die Gunst der Stunde genutzt und bin bereits einige Tage in Georgien, als der Rest der Radltruppe spät am Sonntagabend in Tiflis eintrifft. Noch ein paar Stunden Schlaf, und das Abenteuer kann beginnen. Mein Rad hat die Anreise trotz Transport im lausigen Karton einigermaßen unversehrt überstanden, trotzdem gilt es beim gemeinschaftlichen Zusammenbau der für den Transport zerlegten Bikes am Vormittag einige kleinere Hindernisse zu überwinden: ein verrutschter Mantel, der zunächst partout nicht wieder schön dicht auf die Felge möchte, eine beim Flug verbogene Bremssscheibe (nichts, was ein beherztes Gegenbiegen mit dem Schraubenschlüssel als Hebel nicht lösen könnte) sowie die angenehm kühle Lufttemperatur von gut 35°C in der georgischen Hauptstadt.

Währenddessen und auch im Anschluss bleibt dabei Zeit für ein erstes Kennenlernen der anderen Teilnehmer und insbesondere auch der zwei Guides von Mogzauri Rent, die uns in den nächsten Tagen begleiten werden. Auch die anfänglichen Sprachbarrieren (deutsch-österreichisch) sind schnell überwunden, und es zeigt sich bereits die gute und sehr harmonische Stimmung in der Gruppe, die sich die nächsten Tage trotz quälender Aufstiege und kräftezehrender Abfahrten durchziehen wird.


Vor allem das sympathische Wesen aller Teilnehmer und insbesondere unserer Guides, James und Irakli, lassen gleich ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufkommen. Am Nachmittag können unsere Bikes und auch die Fahrer bei einem wunderschönen Blick über Tiflis gleich zeigen, was sie so weit entfernt von den Alpen so draufhaben. Geführt von Irakli geht es staubige, steinige und vor allem schnelle Trails in den Bergen südwestlich der Stadt hinunter. Hier machen wir auch Bekanntschaft mit den ersten georgischen Spitzkehren – und es werden definitiv nicht die Letzten bleiben auf dieser Tour. Am Abend genießen wir bei einem leckeren Essen zusammen noch das Großstadt-Feeling, bevor uns am nächsten Tag frühmorgens der Wecker aus den eher kurzen Träumen reißt.


Der frühe Vogel kommt zum Abano Pass

Der Weg in den Nationalpark ist zwar nicht besonders weit, dafür aber umso zeitaufwändiger und anstrengender. Mit zwei Mitsubishi Delica, aus Japan importierten Allrad-Minivans, bringen unsere Fahrer uns und unsere Bikes bis hoch zum Abano Pass auf 2.850 m Seehöhe, dem Tor zum Tusheti. Am Pass erwartet uns die erste längere Abfahrt, über die buckelige Straße (aber Straße ist in Georgien ein sehr dehnbarer Begriff) bis zum Ausgangspunkt unseres ersten Aufstiegs. Von einer Rangerstation am Fluss Khiso Alazani geht es hoch hinaus, fast 1.000 Hm bis zu unserem heutigen Tagesziel. Nach dem kräftezehrenden Aufstieg werden wir mit einem sagenhaften Rundumblick auf die umliegenden Gipfel und einem wunderschönen Singletrail auf der gegenüberliegenden Bergflanke belohnt. Die Dämmerung kommt schneller als erwartet und sorgt für ein Abfahrtserlebnis und Herausforderung der ganz besonderen Art; ein richtiges Abenteuer, eine riesen Gaudi und die perfekte erste Begegnung mit den wunderschönen Trails im Tusheti.


Die feine Kaffee-Nase

Die nächsten Tage sind wie ein Traum und vergehen trotz anstrengender Anstiege fast wie im Flug. Mit Unterstützung unserer Fahrer, die uns morgens immer ein paar hundert Höhenmeter shuttlen oder auch ins Nachbartal fahren, machen wir mit den Bikes die Gegend unsicher. Nicht einmal die einsamen Schafhirten auf knapp 3.000 m sind vor uns sicher, der Geruch von Kaffee hat ihre Position verraten (Rene kann Gerüchten zufolge Kaffee in mehreren Kilometern Entfernung ausmachen). In den Bergen sind wir abgesehen von den Hirten ganz alleine, lediglich in der Distanz lassen sich hin und wieder Ortschaften ausmachen. Die Ruhe und Schönheit der Berge hier ist immens und lässt einen auch in den knackigen Abfahrten immer wieder innehalten. Dazu kommen spektakuläre Anblicke der heimischen Flora und Fauna; besonders der fast regelmäßige Anblick der einheimischen Geier (egyptian vulture) auf teils sehr kurze Entfernung ist eindrucksvoll.


Vom Essen und anderen gesättigten Fettsäuren

Neben den sportlichen und bergfokussierten Aspekten kommt in Georgien natürlich auch das leibliche Wohl nicht zu kurz. Mit bodenständigen, sehr leckeren Gerichten auf Basis von Brot, Käse, Gemüse und Fleisch, die im Gästehaus frisch und traditionell zubereitet werden, können wir uns stets gut gestärkt in unsere Touren stürzen. Zum Abschluss unseres Aufenthalts im Tusheti steht noch ein besonderes Schmankerl an: eine stundenlange Gratwanderung bzw. -fahrt, die ihren geographischen Höhepunkt auf dem Gipfel Makratela auf 3.093 m Seehöhe findet. Im Anschluss folgt der radl-technische Höhepunkt, eine Abfahrt von knapp 1.200 Hm bis ins Tal des Flusses Pirikita Alazani. Die gefühlten hundert Spitzkehren und das steile Gelände begleitet von einem unglaublichen Blick ins Tal und die Dörfer auf der gegenüberliegenden Talseite mit den Gletschern im Hintergrund üben dabei eine besondere Faszination aus.


Reich an Erfahrungen und Eindrücken aus dieser bisher nahezu unberührten Gebirgsregion eines wunderschönen Lands und erschöpft von den kilometerlangen Trails treten wir am nächsten die Reise zurück nach Tiflis an. Über die abenteuerliche Straße geht es erneut hoch zum Abano Pass, dem einzigen Weg in den Tusheti. Diesmal liegt die andere Seite des Passes vor uns und unseren Bikes, unsere letzte Abfahrt: knappe 20 Kilometer und 2.000 Tiefenmeter auf einer buckeligen Staubpiste, die sich Straße nennt. Was für eine Fahrt!

Text: Lukas Hofauer, Gewinner der Alpinmesse Verlosung 2017.

Wir freuen uns über deine Bewertung

3 Bewertungen

Kommentare

  1. wmcneo

    Danke Lukas für deinen tollen Bericht – es war uns ein inneres Blumen-pflücken *g*

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort