Mountainbiken an der Küste Portugals

Reisefieber

Eine meiner (für mich) unangenehmsten Macken ist die unbändige Vorfreude auf ein neues Abenteuer, die mich in der Nacht bevor ‘es’ losgeht selten ein Auge zumachen lässt. Wenn dann das Taxi um 04:00 Uhr morgens vor der Tür steht und ich wenig später zwischen Bikes und Taschen geklemmt Richtung Flughafen unterwegs bin, pushen mich meine körpereigenen Drogen stärker als drei doppelte Espressi. Holger und Rene dagegen schlafen noch mit offenen Augen.
Einen Monat zuvor hab ich noch meinen Ski-Sack zum Sperrgepäck gehievt, diesmal rollert gemütlich der Bike-Bag neben mir her: Destination Süden! “Land des Pastel de nata und Portwein: für die nächste Woche bist du mein!”

Kurz, kurz!

Die Sonne die uns in Lissabon begrüßt, fühlt sich an wie eine herzliche Umarmung. Die kurz-kurz Saison ist somit eingeläutet. Endlich im Portugal Surfcamp von Martin Roll angekommen, krame ich als erstes die Flip-Flops aus der Tasche. Doch bevor wir überhaupt eine Chance haben, unsere Bikes zusammen zu bauen, steckt uns Holger schon in einen dicken Neopren Anzug und drückt uns ein Board unter den Arm. Swell, Tide und noch ein paar Fach-Jargon Begriffe, die ich nicht verstehe, wären gerade so toll und sowieso und überhaupt wir müssten das jetzt machen.

Surfboard != Luftmatratze

Abgesehen davon, dass so ein Neoprenanzug so ziemlich der unangenehmste Pyjama ist, den man sich vorstellen kann – ein Surfboard ist auch keine Luftmatratze zum Chillen. Und wenn es auch sonst schon frühsommerlich scheint, der Atlantik ist im April so richtig kalt. Ein Bergsee erinnert da im direkten Vergleich eher an ein Thermalbecken. Ich hab’s ehrlich versucht. Nach der gefühlten hundertsten Nasen- und Gehörgangspülung beschließe ich für mich, als Einwohnerin eines Binnenlandes ist es völlig ok, wenn ich Wasser in anderen Aggregatzuständen den Vorzug gebe. Außerdem kaschieren die Freeride-Jerseys Problemzonen wesentlich besser als so eine Ganzkörperzwangsjacke. Soviel dazu. Yes, WE can: WEride.

Ich bleibe lieber an Land und führe mein wunderschönes Bike seiner Bestimmung zu. Wir sind ja nicht einfach so nach Portugal aufgebrochen, wir wollen ausgiebig scouten. Und wir haben uns mit Locals zum Biken verabredet. Diese Locals nennen sich WEride und sind ein sympathischer Haufen aus Nebenerwerbs-Guides, mit viel Enthusiasmus und Freude an der Sache – genau unsere Wellenlänge. Unter dem blauen WEride Trikot verstecken sich ein Geschichte-/Englisch Lehrer, ein Architekt und ein Opernsänger. Interessante Menschen die viele spannende Sachen zu erzählen wissen. Mit einem einheimischen Architekten durch die geheimsten Gassen von Lissabon fetzen? Da schauen Lonely Planet, Baedeker und Konsorten arm aus dagegen.

Sintra

Unser erstes Meet & Greet & Ride haben wir in Sintra. Diese Region liegt westlich von Lissabon an der Küste und markiert den westlichsten Punkt Kontinentaleuropas. Die Kulturlandschaft Sintra zählt seit 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe.

“Wir fahren bergauf lieber gemütlich und lassen es bergab dann krachen,” werden wir kurz über die persönlichen Vorlieben unserer Guides in Kenntnis gesetzt. Mit einem ungläubigen Blick schau’ ich abwechselnd in Hugos lachende Augen und auf sein 34er Kettenblatt. Sein nigelnagelneues Carbon Enduro glänzt in der Sonne und ich pappe mir noch eine Schicht Sunblocker auf meine Beinchen mit der Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch eine zaubertrankartige Wirkung entfalten möge. Wenigstens riech’ ich gut.

Kurze Zeit später stehen wir in einem dichten, feuchten Wald, die Trails schnell und auch steil, teilweise mit gebauten Sprüngen und Anlegern, dazwischen immer wieder moosige Steine und nasse Wurzeln. Stellen zum Tüfteln, Baumslalom, kleine Holzbrücken und Furten. Seltsamerweise ist es stellenweise sogar neblig obwohl es sich eigentlich um einen herrlichen Sonnentag handelt. Die Sonnenbrille ist hier drinnen viel zu dunkel.

Wer später bremst ist länger schnell

Die Jungs geben Gas und lassen es tatsächlich krachen. Holger und Rene heften sich einfach an Hugos und Miguels Hinterrad. Mir fehlt diese Art Urvertrauen und ich suche mir meine Linie lieber selbst. Wenn ich aber zu weit abreissen lasse, hab ich ganz schön zu tun, an den Herren dran zu bleiben. Denn jetzt werden die 34 Zähne gezeigt: sobald es etwas flacher wird, gibt es kein erholsames Dahinrollen und in die Gegend schauen, sondern stand-up pedalling bis die Oberschenkel brennen. Na gut, dann eben der Trainingslager-Modus. Mit meinen 30 Zähnen und dem fehlenden Widerstand im schwersten Gang komme ich mir wie ein Schaumschläger vor.

Die Zeit verfliegt und nach sieben Stunden und einigen Abfahrten haben wir ordentlich Höhenmeter in den Beinen. Doch das Beste kommt zum Schluss und nennt sich ‘Donkey Trail’: ein scheinbar endloser Pfad im Küstengebiet, immer Richtung Westen, der uns dann doch noch gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang an einem einsamen Strand ausspuckt. Wir sind überwältigt. Und haben einen Bärenhunger. Glücklicherweise kennt Hugo auch da die richtige Adresse und ich koste meinen ersten Bacalhau, der tatsächlich schmeckt.

Lissabon und Monsanto

In Lissabon übernimmt Joaõ. Besser gesagt im Parque Florestal de Monsanto. Nein, hier geht es nicht um Pestizide und Gen-Mais, hier handelt es sich um das 900ha große Naherholungsgebiet der Lisbeotas. Ein um 1930 von Architekten angelegter Park oder besser gesagt, ein Hügelgebiet, das zu diesem Zweck komplett aufgeforstet und durchgeplant wurde. Hier gibt es Reitwege, Klettergärten, Sportstätten, …. und natürlich Trails, Trails, Trails für uns Biker! Aufgrund dieser Wegevielfalt sollte man sich natürlich nicht verlieren. Und passiert es doch, schlägt es sich auf die Roaminggebühren: “Beim Bienenstock links?” – “Da war doch gar keine Abzweigung und überhaupt: welcher Bienenstock?” Auf Reifenspuren verlassen kann man sich hier nicht, die führen mehrfach in alle Richtungen, Monsanto beherbergt die Hometrails der Lissaboner Biker-Szene. Dementsprechend sind sie auch gehegt und gepflegt und vor allem: befahren.
Wir genießen den ganzen Tag diesen riesigen Spielplatz, bis Joaõ uns am späten Nachmittag in die Innenstadt lotst. Eine City Tour mit dem MTB.

#DingeMitDenenIchNieGerechnetHätte. Es ist ja schon toll, überhaupt noch eine der alten Straßenbahnen zu sehen. Aber selbiger mit dem Bike nachzufahren, ist nochmal etwas Anderes. Erinnerungen an frühere Besuche kommen hoch, doch damals immer nur langsam und ermüdend per pedes und diesmal kann ich ganz entspannt durch die Fuzo cruisen, mit Fahrtwind im Haar und ohne billigem Stadtplan der an den verschwitzten Fingern klebt.

Rapunzel hört Fado

Um Acht haben wir ein Tisch in einem kleinen Familienrestaurant reserviert. Die Bikes parken vor dem Eingang und blockieren fast die gesamte Gasse. 
Joaõ kennt die Inhaber und sie bieten nicht nur ausgezeichnete traditionelle Küche sondern genauso tollen Fado.

Wir lernen schnell, dass man, sobald zu spielen und singen begonnen wird, besser leise kaut und schon gar nicht tratscht. Leider verstehe ich kein einziges Wort, aber es ist auf alle Fälle seeeehr dramatisch. Vermutlich kennt jemand jemanden der jemanden kennt, der einmal im Lotto gewonnen hat und der Schein ist mitsamt dem Haus abgebrannt? Oder der gutaussehende Jüngling muss aus politischen Gründen die Heimat verlassen, die Verlobte verspricht zu warten, bis sie ihn mit 80 aufgrund fortschreitender Demenz endlich vergessen kann, eine graue Strähne blitzt auf im Licht des Sonnenuntergangs, Fade Out, Blende, Szenenwechsel. Meine Phantasie nimmt jedenfalls Fahrt auf und ich bin bestens unterhalten.

Damit man nicht zu lange auf dem Trockenen sitzt, klappert die Hausherrin in den Spielpausen ihre fünf Tische immer wieder ab. Der Schein mag trügen, aber unseren Tisch besucht sie besonders oft. Und jedes mal rückt sie näher an mich heran, streichelt mal meine Wange, mal meine Haare. Es hilft auch nichts, nicht auszutrinken. Saperlott, was soll das?

Ich hätte es ahnen können, der Grund ist meine rote Mähne. Kurze Zeit später heiße ich offiziell Rapunzel und wir bekommen ein dickes Gästebuch mit der Bitte uns einzutragen. Was liegt da näher, als den Zopf herunter zu lassen? Mit meinem Leatherman kann man nämlich nicht nur Kabelbinder abzwicken, der schneidet auch ganz passabel Haare. Jetzt klebt da neben unseren Namen auch eine rote Locke und die Aktion hat mir zu den ganzen Streicheleinheiten noch einen fetten Schmatz beschert.

Nightride und Soulmates

Joaõ hat uns gewarnt nicht zu viel zu essen, das war natürlich umsonst. Der Anstieg zur Burg setzt meinem vollem Magen zu und die Beinmuskulatur beschwert sich über die ungerechte Blutverteilung. Wer die Altstadt nicht kennt: die Straßen sind zum Teil sehr steil und die Gassen gleichen öfter Stiegenhäusern als Gehwegen.

Die Burg wird leider gerade vor unserer Nase zugesperrt, also kurbeln wir weiter zum Mirador und genießen einen traumhaften Blick hinüber zum Barrio Alto und auf die Lichter der Stadt. Und hier startet die letzte Abfahrt des Tages: Über die vielen Stiegen und durch die schmalen Gässchen, vorbei an flanierenden Touris die gleich mal ihre Handys zücken bis direkt ans Ufer des Tejo und zum Triumphbogen. Wir fahren auch Teile der Strecke des City-Downhills. Manchmal habe ich mehr Glück als Verstand, dass mein noch ungewohnt breiter Lenker nicht doch einmal bei einem Stiegengeländer einhakt. Unten angekommen sind wir endorphingepusht und wieder putzmunter.

Doch was tun mit der angebrochenen Nacht? Richtig. Biken. Von der Baixa Pombalina starten wir in das Bairro Alto. Die Bohemianecke und das Kneipenviertel der Stadt und Joaõ kennt die beste Eisdiele. Das und tiefsinnige, bikophile Gespräche gehen immer. Danach treten wir gemütlich durch das Partyvolk und genießen das Nachtleben als Zaungäste mit. Und irgendwann kommen wir doch zur U-Bahnstation denn den letzten Zug, der uns zum Monsanto und zu Martins Bus zurückbringt, dürfen wir nicht versäumen. Ein Stiegenrun zum Ticketschalter, nach dem Drehkreuz müssen wir die Bikes leider schieben. Hinter uns liegen über 12 Stunden intensives Leben.

Ericeira und Küstenblume

Die restliche Zeit erkunden wir das Umland von Martins Surfcamp in Ericeira auf eigene Faust. Wir nehmen auch den Küstenwanderweg unter die Lupe. Um diese Jahreszeit zeigt die sonst eher spärliche Vegetation ein buntes Blumenkleid. Anstiege sind schnell einmal Tragepassagen doch der Blick aufs Meer entschädigt. Wobei Holger tendenziell bei besonders schönen Wellen zappelig wirkt. Ich glaube, das sind die Momente, wo sich sein Surferherz mit dem MTB-Herz wilde Kämpfe liefert. Landratten wie ich haben solche Probleme glücklicherweise nicht, eh schon wissen 😉

Rene muss bei einem Lunch-Break feststellen, dass es nicht klug war, mich ohne genauem Auftrag, hungrig und mit seinem Geldbörserl in eine Pastelaria zu schicken. Vielleicht hab ich ja wirklich etwas übertrieben mit den zwei Tabletts, aber wenn es schon einmal irgendwo Pastel de nata in so vielen unterschiedlichen Varianten gibt, muss man sich da durchkosten. Und aus meiner Sicht hat es sich definitiv gelohnt!

Wir genießen unsere Zeit und sammeln Eindrücke, Glücksmomente und Sonnenstunden. Bei Martin im Portugal Surfcamp geht’s uns prächtig. Wo normalerweise die Boards vom Salzwasser befreit werden, duschen wir den Staub von unseren Bikes und zumindest farblich passen die Räder auch zum sonst doch eher surflastigen Garageninventar.

Am Surfboard führt kein Trail vorbei

Doch gegen Ende der Woche besteht Martin darauf, dass wir es nochmal mit dem Surfen versuchen und steckt uns kurzerhand zu Flavio in den Anfängerkurs. Wir müssen in den HabMichLieb-Suits den Strand auf- und abjoggen, trockenpaddeln und zigmal auf Kommando aus dem Liegestütz auf das Board hochspringen. Hab ich schon erwähnt, dass diese Neoprenanzüge auch nicht sonderlich atmungsaktiv sind? In kurzer Zeit ist mir so heiß, dass ich den eisigen Atlantik herbeisehne.
Die Strömung ist viel stärker als Anfang der Woche, ich muss mich regelrecht durch das Weißwasser zu Flavio durchkämpfen. Bei ihm angekommen würde ich gern erstmal verschnaufen aber das geht nicht, hier geben die Wellen den Takt vor und die kommen in kurzen Abständen. Ich kann nicht auf den Augenblick warten, wo ich mich bereit fühle, ich muss mich absolut anpassen und bereit sein wenn der Augenblick kommt. Das ist mir neu und vermutlich meine größte Herausforderung.

Und irgendwann, nach dem vielten Tauchgang, gelingt es mir dann, nicht nach vorne einzuspitzeln oder nach hinten oder seitlich wegzukippen sondern einfach nur aufzustehen und stehen zu bleiben. Und ganz kurz hab ich eine leichte Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte. Und schon ist das Wasser nur mehr knöcheltief und der Spaß vorbei.

Wer weiß, vielleicht bin ich ja doch keine so ausgeprägte Landratte sondern noch ausbaufähig? Aber das herauszufinden hat noch Zeit. Und bis dahin ist mein Drahtesel mein bester Freund. Und Pastel de nata. Und Portwein. Und Portugal schon auch ein bisserl.

Text: Maria Sendlhofer-Schag

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