Der Große Jogl

Fernreise durch die Heimat. Nur etwa eine Autostunde von Graz entfernt liegt die Waldheimat bzw. das Joglland. Die Namen der Orte, Gemeinden und auch Gipfel in dieser Region im Osten der Steiermark sind uns gut bekannt. Schon mehrmals wollten wir uns die Trails am Hochwechsel ansehen, auf den Pretul – ganz speziell den Grazer Pretul – biken oder das Trail-Land Miesenbach näher kennenlernen. Doch am Ende des Jahres ist unsere Todo-Liste meistens noch immer gut befüllt – und irgendwo zwischen den zahlreichen gesteckten Zielen befindet sich dann eben auch noch das Joglland. So nah und doch so fern.

Auf ins Joglland

Im Sommer wurden wir vom Tourismusverband kontaktiert. Etwas Großes soll hier zum Thema Mountainbiken entstehen. Genau genommen der „Große Jogl“, eine mehr als 200 km lange Mountainbike-Tour durch alle Joglland-Gemeinden und die umliegende Bergwelt. Wir als Reiseveranstalter dürfen uns in einem Workshop präsentieren – unsere Ideen vorlegen, Wünsche und Bedürfnisse unserer Kunden deponieren und ein klein wenig an dieser Rundtour mitfeilen. Der Jogl ist keine Singletrail-Tour, vielmehr führt die beschilderte Strecke über Forst- und Asphaltwege durch die schönsten Ecken dieser Gegend. Solltest du jetzt beim Lesen Schnappatmung bekommen und vor lauter Panik der Schweiß-Ausbruch einsetzen: keine Sorge, bei unseren Reisen werden wir immer noch auf der Suche nach dem heiligen Singletrail sein. Aber man wird ja bekanntlich nicht jünger und mit dem Alter öffnen sich die Horizonte. Etwas mehr Trails gibt es bei unserem weiteren Joglland-Angebot von Anger bei Weiz aus …

Bei einem Treffen mit Tobi von TrailXperience letzten Sommer wurde uns klar, dass wir unseren „Werte-Rucksack“, das Bikefex’sche i-Tüpferl, getrennt von unseren Reisen betrachten können. Und somit ist es auch möglich, diesen Rucksack über andere Genres des Rad-Sports zu stülpen. Nicht immer ist der längste und flowigste Singletrail das Maß aller Dinge – vielmehr zählt für uns das Eintauchen in die Region, in die lokalen Brauchtümer, Gepflogenheiten und in die Kulinarik genauso zu einem gelungenen Bike-Erlebnis, als die Trails selbst.

Jetzt, am Ende unserer Saison, finden wir endlich ein paar Tage Zeit, um dem Großen Jogl einen Besuch abzustatten. Für 200 km und mehr als 5.500 Hm, so dachten wir uns, wäre ein e-Bike eine klasse G’schicht. Unser Specialized Partner, RoFa Sport in Graz, hat uns sogleich mit einem nagelneuen 2020er Levo bestückt. Und ein 2. Akku? „Brauchst net, sind 700 W und a bissal selber kurbeln wollt’s ja auch, oder?“. Hmmm, da sind wir aber gespannt. Zumindest mein Rücken wird es Faily danken, wieder ein paar Kilo Zusatzgewicht gespart. Aber ob wir mit nur einem Akku die geplanten Etappen schaffen?


Von Vorau zum Kaiser

Der erste Tag beginnt mit etwas Regen, dafür aber grandiosen Nebel-Schauspielen in den tiefen Tälern rund um Vorau. Die 10 LEDs der Akkustands-Anzeige leuchten hellstens blau und es befinden sich ca. 2.400 Hm und 65 km vor uns. Es kann los gehen. Die Route führt uns von Vorau nach Mönichwald, rauf auf den Hochwechsel (der höchste Punkt der Tour mit über 1.700 m Seehöhe) und dann in ständigem Auf und Ab zum Gasthaus Orthofer in St. Jakob am Walde. Ein Familienbetrieb wie er im Buche steht. Wir freuen uns über den herzlichen Empfang, die Hopfenkaltschale und die letzten warmen Sonnenstrahlen welche wärmend von der Hausmauer auf die urigen Sitzbänke vor dem Gasthof abstrahlen. Ein toller Tag, und immer noch leuchten 2 LEDs am Levo … da geht mehr.

Hier bei Familie Orthofer finden im Winter Langläufer ihr Zuhause. Wolfgang betreibt in zweiter Generation nun seit mehr als 40 Jahren die Loipe. Direkt hinter dem Haus starten die zahlreichen Strecken, für Groß und Klein, für Jung und Alt. Es ist für alle etwas dabei und wenn ich ihn bei den Vorbereitungen sehe, bekomme ich auch schon Lust auf Schnee und schmale Bretter. Wenn der Pulver dann allerdings tatsächlich da ist, schnall’ ich meistens doch lieber die Freeride-Latten unter die Füße.

Rund um St. Jakob gibt es mehr als nur den Großen Jogl. Zahlreiche Routen und Trails ziehen durch die Wälder und die hauseigenen Mountainbike-Guides wissen, wie man den Gästen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Die Küche kennt sich dabei ebenso gut aus – Schupfnudeln mit Kren-Dip war mein Favorit für’s Abendessen und ein Kaiserschmarren hinterher. Speziell mit „Kaisern“ kennt man sich hier aus. Denn da wo jetzt der Gasthof steht, da stand einst das Jagdhaus von Kaiser Karl I und Kaiserin Zita. Die beiden lernten sich hier in St. Jakob kennen und lieben, verlobten sich 1911 sogar im Joglland. 1922 brannte das Gebäude leider ab, gerettet konnte nur der alte Kaisertisch werden – dieser steht heute in der Gaststube und kann besichtigt werden. Ob man auch darauf essen darf?

Ab ins Trail-Land

Nach einem leckeren Abendessen, einem Sauna-Besuch in der eigenen Wellness-Oase und vielen netten Gesprächen mit Margret und Wolfgang geht’s für uns weiter Richtung Süden. Doch bevor wir der Kompass-Nadel dorthin folgen, machen wir einen kleinen Abstecher auf den Pretul. Und weil wir doch ein wenig süchtig nach Trails sind, geht’s nicht wieder direkt retour ins Tal nach St. Kathrein, sondern über den Rücken zum Alpl. Vorbei an dutzenden Windrädern und urigen Schutzhütten führt ein flowig zu fahrender Singletrail über den Peter-Rosegger-Weitwanderweg hinab zur Passhöhe. Dort fädeln wir wieder in die Originalroute ein. Über die Waldtoni-Hütte kommen wir nach Fischbach und ein weiterer Anstieg mit tollem Panoramablick nach Birkfeld. Ein kurzer Überfall der dortigen Bäckerei versorgt uns mit Nachschub bevor es das letzte Stück über Wildwiesen nach Miesenbach weitergeht.

Hier in Miesenbach, beim Gasthaus Wiesenhofer, hat unsere gedankliche Reise im Sommer gestartet. Die Wirtsleute, Hermann und Patrick, haben hier ihren Traum vom eigenen Trail-Land verwirklicht. Ein kleiner Schlepplift befördert Biker rustikal nach oben, die zahlreichen Trails in allen Schwierigkeitsgraden, wieder nach unten. Ein Uphill-Trail für alle die lieber selber kurbeln, ein Pumptrack sowie ein kleiner Fahrtechnik-Parcour runden das mehr als üppige Angebot ab. Doch genug vom Biken: wir sind hungrig, und schauen mal lieber, was die Speisekarte so hergibt. Wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual. Der kulinarische Aspekt unseres Werte-Rucksackes wäre schon mal erfüllt. Wir genießen das Essen während die Levos an der Dose hängen – kurzerhand haben wir beschlossen, die letzten Kilometer zurück nach Vorau auch noch heute anzuhängen. Wir sind gespannt, ob sich das ausgeht.



Eine Masn haben

Auf österreichisch bedeutet das soviel wie „Glück haben“ bzw. „Massel haben“. Und nachdem der letzte Anstieg über den Masenberg, zwischen Vorau und Pöllauberg führt, wird sich das mit dem Akku schon irgendwie ausgehen. Vorab werden wir allerdings noch ein paar Trails rund um den Gasthof ausprobieren – wir sind gestärkt und verzichten auf den Lift. Nach ein paar Rundfahrten geht’s weiter, ganz hoch zum Zeiseleck bevor wir in einer langen Traverse zum Masenberg fahren. Kurz bevor die Straße zum Schluss noch mal richtig steil wird, fängt das Elektro-Ross zum piepen an. Notprogramm aktiviert, der letzte Leucht-Balken färbt sich rot und wir sind heilfroh, als wir am Schutzhaus am Masenberg ankommen. Eine weitere Stärkung und heiße Suppe zum Aufwärmen, bevor es nur noch bergab zurück nach Vorau geht.

Kurv bevor die Sonne hinter den Hügeln verschwindet versperren wir die Räder am Heckträger und steigen ins Auto. Wir fühlen uns, als hätten wir eine Trans-Alp hinter uns gebracht – nicht, weil wir so müde sind, sondern weil ein klein wenig Urlaubs-Flair aufkommt. Als wären wir gerade nach einer Pizza und einem Grappa am Heimweg vom Gardasee. Doch so weit sind wir nicht von zuhause weg. Das Navi sagt 58 Minuten um unsere Fernreise zu beenden.

Wir freuen uns über deine Bewertung

3 Bewertungen

Kommentare

  1. BIKEFEX

    Hi Sigi,

    du kannst unter https://www.joglland-waldheimat.at/aktivitaeten/radfahren/der-grosse-jogl/ alle Infos abrufen … inklusive eines Tracks über Outdooractive.

    LG 😉 Rene

    Antworten
  2. Sigi Frank

    Hallo Rene!
    Klingt echt fein! Ein toller Bericht.
    Gibts da eine Karte oder weitere Infos dazu?
    lg sigi frank

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort