Läppische Trails im hohen Norden

Seit Februar habe ich ohne Pause durchgearbeitet. Tag ein, Tag aus. Urlaub ist dringend angesagt, und im Süden ist es mir einfach prinzipiell zu heiß. Durch Zufall habe ich erfahren, dass bei der Mountainbike-Reise nach Lappland nur Frauen mitfahren. Ausschreibung kurz gecheckt – that’s it. Ich war noch nie in Lappland, das muss ich ändern.

Von Pferden und anderen Tieren mit Geweih

Es ist alles so kurzfristig, ich habe gar keine Zeit, mich mit Reiseführer oder Wanderkarten vorzubereiten. Ein wenig mulmig ist mir schon, ob ich die geforderten Schwierigkeiten wohl schaffe. Kommt das Bike heil im Norden an? Wird es mir dann vielleicht sogar zu kalt dort oben? Auf jeden Fall will ich Rentiere, Elche und das Nordlicht sehen. Was eben so dazu gehört, da oben.

In Narvik warten Edgar und Rene schon am Flughafen. Das Wetter ist genauso, wie von Rene, der einige Tage vorher bereits oben war, vorab angekündigt: es schüttet wie aus Schaffeln. Aber das Ferienhäuschen, das Rene gemietet hat, ist bequem und warm, mit Fußbodenheizung und Schwedenofen, genau richtig für mich. Wir sind insgesamt sieben Leute: Rene und Edgar (die Guides), Axel (mit ihm bin ich seit fast 25 Jahren verheiratet *g*), Heidi aus der Schweiz, Andrea aus der Pfalz und Lisa aus dem Burgenland. Rene und Lisa drücken ein wenig den Altersschnitt, der sich ohne die beiden um stolze 50 Jahre bewegt.

Einmal Trollsee und retour

Direkt von unserer Unterkunft in Katterjåkk radeln wir auf Wanderwegen in die Wildnis. Über besonders sumpfige Stellen oder Bäche führen teils meterlange, nur 30 cm breite Holzplanken auf Stelzen, oft einen halben Meter über dem Boden. Da will ich nicht hinunter fallen – also schiebe ich mein Rad. Quasi am Holzweg unterwegs. Zum Trollsee geht es dann bergauf, auf ein atemberaubendes Kar zu. Herr der Ringe lässt grüßen. Die Berge rundherum sind weiß angezuckert, die Temperaturen heute aber ganz angenehm. Beim See packt Rene erst einmal den Gaskocher, die Kaffeekanne und 7 Email-Häferl aus. Ein Traum.

Weit und breit nur entrische Gegend, aber ein gepflegter Espresso muss einfach sein. Gleich hinter dem Trollsee geht es über den Wildbach. Edgar fährt einfach durch. Wir nicht. Mit nassen Füßen geht es dann über weite Hochflächen hinunter, 7 Rentiere schauen uns interessiert zu.

Guglhupf-Tour in Norwegen

Heute geht es mit dem Shuttle zum Reinnesfjellet südlich von Narvik in Norwegen. Von der Ferne schaut er aus wie ein zu Stein gewordener Guglhupf. Die langweilige Straße hinauf, bringen wir bequem mit dem Auto hinter uns. Dann geht es abwechselnd Bike & Hike über Wiese, Granitplatten und Matsch hinauf. Heute ist es ganz anders als gestern: eine steinerne Mondlandschaft, schneebedeckte Berge neben uns, und das Meer vor uns. Da müssen wir hin. Und dann geht es hinunter. Steil. Sehr steil. Eigentlich quasi überhängend. Einfach unvergesslich, unvergleichbar, unwirklich, unbeschreiblich, unglaublich, un …, jetzt noch Schnappatmung.

Die Traumtour klingt bei einem gepflegten Bierchen im Luxus-Golfressort zwischen High-Heels-Louis-Vuitton Golfern und dem gemütlichen, offenen Feuerchen in der Lounge aus.

Im norwegischen Hinterland

Mücken, Matsch, Mühsal. Es geht einen leicht steigenden Wanderweg mit herausfordernden, steinigen Steigungen entlang. Immer wieder führt der Weg durch echt tiefen Matsch. Ich bin heute einfach nicht gut drauf. Müde, Schmerzen beim Auf- und Absteigen vom Rad (ich bin am ersten Tag gestürzt – Rippenprellung) und der Frust, dass ich einfach zu wenig Kraft habe, durch den Matsch zu fahren.

Wir erreichen eine norwegische Berghütte, der Name Cunojávrihytta ist für mich unmerkbar und unaussprechlich, und trinken erst einmal einen gepflegten Espresso. What else, aber selbst gebrüht. Alle sind müde, die Mücken plagen uns und so macht der Weg einfach keinen Spaß. Rene und Edgar erkennen die Lage und reagieren wunderbar flexibel. Kleine Planänderung: wir machen keine Überschreitung nach Schweden, wir fahren einfach wieder zurück.

Hü hott

Andrea fotografiert draußen vor der Hütte, kommt dann rein und zeigt uns ihr Foto: „Sagt mal ist das ein Pferd? Gibt es Rentiere ohne Hörner?“ Wir lachen uns schlapp, sie hat einen Elch fotografiert. Ich raus und den Hügel rauf und da steht er noch: Pfeif auf Mücken, Matsch und Mühsal, alles gut, ich habe einen Elch gesehen.

Zurück ist der Weg dann richtig lustig, wir üben Matsch-Fahrtechniken mit wechselnden Erfolgen. Heidi landet Bauch voran mittendrin und wir lachen uns krumm. Lustige Truppe. Beim Abendessen geht es weiter, es verbiegt mich den ganzen Abend, weil ich vor lauter Lachen solche Rippenschmerzen habe.

Die besten Waffeln Schwedens

Bequemer Shuttle und dann ein toller Bike & Hike Aufstieg nach Låktatjåkka, Schwedens höchstgelegener Berghütte. Oben angekommen erleben wir erst einmal Nordbotten-Speed: Rene bestellt Waffeln für uns alle. Daraufhin passiert einmal 30 Minuten lang gar nichts. Dann werden die Zutaten geholt und schön langsam Waffeln in den Ofen geschoben. Die schmecken dann wirklich gut, zusammen mit Schlagsahne und heißer Schokolade. Das Beste kommt aber erst noch. Eine wahnsinnig geile Abfahrt. Über Schneefelder, durch Rentierherden, auf traumhaften Singeltrails fahren wir nach Abisko.

Abisko = A Disco?

Ok, ich bin in meiner Spitzenstrumpfhose ein wenig overdressed, falsch gepackt, blöd gelaufen. Im Auto zum Start der Tour lachen wir uns kaputt, weil ich mit diesem Aufzug wohl offensichtlich „Abisko“ mit „A-Disco“ verwechselt habe. Der Running Gag für diesen Tag war gefunden. Dann folgt ein abwechslungsreicher und lustig zu fahrender Weg entlang des Rallarvegen nach Abisko. Von da an wird es steiniger und technisch schwieriger für mich. Ich freue mich, wenn die Holzplanken-Wege kommen, weil die sind viel einfacher zu fahren. Hab ich das gerade selbst gesagt? Ich denke an den ersten Tag zurück … Wir fahren in einer wunderschönen Landschaft einen Fluß entlang. Hier sind viele Wanderer mit riesigen Rucksäcken unterwegs. Die meisten grüßen freundlich mit „hei hei“. Zurück in Abisko warten wir in einer Wanderer-Herberge, während Rene und Edgar wie immer den Shuttle organisieren. Ich kaufe mir einen kleinen Elch aus Holz, der steht jetzt auf meinem Fensterbrett in der Küche.

Haltet eure Rucksäcke fest

Speedboot-Tour mit Bikes – das gibt es nur bei Bikefex. Eine wunderschöne Abschluss-Tour den Rallarvegen (alter Eisenbahnerweg) entlang bis zu dieser einsamen Siedlung mit Bahnstation. Warum zum Henker, baut man hier einen Bahnhof? Es führt keine Straße hierher. Ein kurzer Abstecher ins Hinterland mit überwältigender Landschaft. Und dann diese atemberaubende Abfahrt. Ständig wechseln die Landschaft und der Charakter des Singletrails.

Hinter jeder Ecke könnte ein Bär auftauchen, oder John Snow oder ein Hobbit oder Hagrid. Steile graue Felswände mit Wasserfällen säumen den Weg bis zum Meer. Und dann: das Boot. Der Kapitän wartet schon auf uns. Edgar meint kühl: „Take the girls to Narvik.“ Nach ein paar Metern und einem sanften Ruck am Gasgriff fällt mein Rucksack über Board. Der Kapitän dreht rasch um, packt seine Angelkenntnisse aus und fischt den nassen Sack wieder zurück ins Boot.

Nach kurzem Sightseeing und Shopping – Narvik bietet in der Hinsicht nicht ganz so viel – genießen wir Kaffee und Kuchen während Rene und Edgar wieder mit den Autos hin- und herfahren.

Resumee

Das kann man nicht planen, das ist einfach Glück: die Anderen. Andrea, Heidi und Lisa. Wir sind ein tolle Gruppe, unkompliziert, lustig und lieb. Jeden Abend kommen wir müde und hungrig heim, abwechselnd wird gekocht, wir haben einfach Spaß. Das geht natürlich nur, weil alles toll organisiert ist. Wir müssen uns um nix kümmern.

Rentiere gesehen: check
Elch gesehen: check
Nordlicht: hat sich hinter Wolken versteckt. Muss ich halt wieder kommen
Fahrtechnik verbessert: check
Superliebe Menschen kennengelernt: check
Bikefex Lappland Mountainbiken made my summer: check

Text: Ute Berger

Wir freuen uns über deine Bewertung

5 Bewertungen

Hinterlasse eine Antwort