Eine Audienz in der Republik

Auf in die neue Republik. Per Definition eine „öffentliche Sache“, und jene Republik, in der wir nun um Audienz bitten, empfängt ihre Besucher auch herzlichst und mit offenen Armen. Es ist bei weitem nicht unser erster Anlauf. Die letzten Male wurden unsere Visa von verhärteten Schlechtwetter-Fronten abgewiesen. Aber diesmal wird es nicht auf unsere Parade regnen, und wir freuen uns auf den offiziellen Staatsbesuch in der Bike Republik Sölden, eine eher wenig deutsch-sprechende Enklave im Herzen des Tiroler Ötztals.

It’s beer o’ clock

Wir haben uns wenig vorbereitet auf diesen Trip. Gut, um ehrlich zu sein, eigentlich gar nicht. Lediglich die Unterkunft haben wir gebucht – man möchte dann ja doch nicht an der Promenade schlafen. Aber was in aller Munde ist, kann ja nicht ganz schlecht sein. Und so ein Staatsbesuch ist ja an sich schon etwas Aufregendes. Zudem liegt Sölden ja auch nicht am A*** der Welt, oder weit ab jeglicher Zivilisation wie ein All-Inclusive Club an der von Maturanten aufgesuchten Riviera.

Treu dem Motto „Planlos gen Westen“, treffen wir also im Ötztal ein. Keine Pass-Kontrolle, keine Wartezeiten an der Grenze. Und auch das Magic-Life-Club-Feeling kommt nicht auf, Bier ist beim Abendessen nicht inbegriffen und der Gin-Tonic kommt ganz ohne Zugabe von Wasser aus. Ein Traum. Kaum einen Fuß bei Benjamin vom Grünwald Resort über die Türschwelle gesetzt, kommt er uns auch schon strahlend mit dem ersten Kasten Republik-Bier entgegen. Wir freuen uns über die herzliche Begrüßung, das Bier, stellen selbiges erstmal kalt und werfen uns in windeseile in die Bike-Klamotten.

Sag niemals Bike-Park …

Wer uns kennt, der weiß, dass wir uns hauptsächlich abseits der touristischen Rennstrecken und im alpinen Hochland bewegen. Aber wenn man schon mal hier in der Republik ist, dann muss man natürlich auch mal die gängigsten Staats-Straßen befahren. Von unserer Terrasse sind es nur etwa 200 m bis zum Trail-Einstieg. Und der geht gleich mal flowig los. Wenige Kurven später sind wir an der Talstation angekommen und zücken unsere Lift-Tickets. Ein rotes Licht und ein freundlicher Signalton zeigen uns unmißverständlich, dass die Tageskarten nicht gültig sind. Das fängt ja gut an, hier im Bike-Park, schmunzeln wir verschmitzt dem netten Liftler zu.

Der klärte uns erstmal darüber auf, dass das hier kein Bike-Park sei, sondern die Republik schlechthin. Auch zu Neuburger sagt man niemals Leberkäse. Lesson learned, erstes Fettnäpfchen erfolgreich mitgenommen. Doch der nette Herr hinter der Glasscheibe ist nicht nur belehrend, sondern auch mehr als hilfreich. Hier wird uns das erste Mal bewusst, dass wir nicht in einem x-beliebigen Park, ähm Republik, unterwegs sind, sondern in Sölden. Im Herzen des Enduro-Mekkas.

Als er uns in wenigen Minuten das Drehkreuz öffnet und den Kollegen beim nächsten Lift gleich vor-informiert, dass wir passieren dürfen und er inzwischen abklärt, was mit unseren Tickets nicht passt, fühlen wir uns fast beobachtet. Wo versteckt sich wohl diese Kamera, sind wir bei Bitte Lächeln? Man ist es nicht gewohnt, als Mountainbiker in Österreich freundlich behandelt zu werden. Entweder wird man beschimpft, weil man am besten gar nicht existieren sollte, oder man wird als „notwendiges Übel“ betrachtet, das so manch finanzielles Sommerloch der Bergbahnen füllen soll.

Service is our success

Doch nicht hier, hier ist der Gast König. Und ganz speziell der Biker. Unsere Argus-Augen scannen jeden Winkel während der Auffahrt und erspähen Trails, Sitzgelegenheiten, Service-Points, Schilder und jede Menge lachende Gesichter. Man scheint Mountainbiken hier wohl tatsächlich zu leben. Für unsere Bikefex-Philosophie ist das wie Balsam auf der Seele, es scheint, als würde man auch hier verstehen, dass ein guter Trail noch lange keinen guten Ausflug garantiert. Das „i-Tüpferl“ oben drauf und das Service bleibt den meisten Besuchern wohl länger in Erinnerung, als die knifflige S3-Passage in der 3. Kehre von oben. So soll’s sein. Und uns wird der freundliche Herr beim Lift in langer und vor allem guter Erinnerung bleiben.

Lange Rede, kurzer Sinn

Aber jetzt sind wir erstmal oben, und da wir ja eigentlich die hochalpinen Trails an den Außengrenzen der Republik erkunden möchten, bleibt uns nur dieser angebrochene Nachmittag, um in der Hauptstadt die Trails unsicher zu machen. Wir beschließen natürlich als erstes, der Ollweiten Line einen Besuch abzustatten. Hochalpiner Trailbau per excellence. In zahlreichen Kurven schlängelt sie sich gen Tal, mal flowig, mal ruppig und mal hat man das Gefühl, hier wurde nicht viel in die Natur eingegriffen. Beäugt man den Verlauf vom Lift, fragt man sich wie lange das Granit-Stein-Puzzle wohl gedauert hat. Hier liegt kein Stein einfach so, alles ist perfekt angerichtet um Gästen ein leckeres Trail-Menü auf den Berg zu zaubern.

Wir arbeiten uns Trail für Trail vor und dennoch ist es unmöglich, alles an einem Nachmittag abzufahren. So begeben wir uns bei unserer letzten Talfahrt auf den Leiterberg-Trail, und beschließen, auf der gleichnamigen Alm noch eine leckere Hopfenkaltschale zu uns zu nehmen. Schnell sind wir mit dem Wirt im Gespräch und plaudern über den Bike-Tourismus, Wanderer und die ewig geschürten Konflikte zwischen allen Naturnutzern. Sein Ansatz ist pragmatisch – spezialisiere dich, sorge für’s i-Tüpferl, biete ausreichend Qualität und Service und schon läufts von ganz alleine. In stark frequentierten Gebieten kann man mit gezielter Kanalisierung alle glücklich machen. Hoch droben am Berg ist das bei uns nicht notwendig, da kommen die wenigsten hin. Und wer es doch schafft, der weiß meist um Natur und andere Erholungs-Suchende Bescheid. Und wenn mal was gesperrt wird, dann ist das hier bei uns kein Problem, es gibt ja genug … er lächelt.

Auch ist ihm der Biker der liebere Gast – dafür wurde er nach einem Zeitungs-Interview schon mal gerügt. „Wanderer wollen zu dritt meist einen Kaiserschmarr’n mit 3 Gabeln“, und wie genau soll ich als Wirt dann überleben? Bei uns ist er da an der richtigen Adresse, wir sind hungrig wie Bären und bestellen zum Jux beinahe jeder 3 Kaiserschmarr’n mit einer Gabel *g*.

Die stille Seite

Ja, auch sowas gibt’s in Sölden. Wer abends durch den Ort flaniert, sieht außer schicken Bars und großen Hotelburgen nicht sehr viel. Stille weit entfernt, es gleicht hier eher einem Retorten-Ort wie in allen anderen Skigebieten auch. Was sind wir froh, beim Grünwald etwas oberhalb inmitten der Natur zu wohnen. Heute früh hat uns ein Border Collie beim Eintreiben der Schafe geweckt und abends läuten uns die Kuhglocken in den Schlaf.

Vom Kern der Republik haben wir für unseren Geschmack jetzt mal genug gesehen. Zeit für Abenteuer, Zeit für alpine Touren und dünne Luft. Wie bereits erwähnt, sind wir äußerst unvorbereitet angereist. Zum Glück wohnt unser Freund und Kollege, Tom, vom Risk’n Fun Team des Alpenvereins in Ötz. Er ist mehr als happy, als wir ihn fragen, ob er uns ein wenig von seinen Bergen zeigen möchte. Es hat nicht lange gedauert, und die erste Tour wurde ausgemacht. Im vorderen Ötztal kurbeln wir satte 1.200 Hm hoch und kehren ein wenig abseits der Route bei einer kleinen Alm ein. Der Senner arbeitet hier ganz alleine. Viel wirft die kleine Alm nicht ab, und jeder Gast ist hier eine willkommene Hilfe. Man kennt uns ja bereits bzgl. unserer Kaiserschmarr’n-Allüren … es war auch hier nicht anders und zwei Stunden später müssen wir den vollen Bauch bergwärts bringen.

Ein kleiner See, hoch oben in den Bergen, ist unser Ziel. Ebenso hoch ist unsere Motivation, in das kühle Nass zu springen. Doch es war sogar noch kühler als nass, und wir sind lieber in unsere Daunenjacken gekrochen, haben zitternd eine Banane verdrückt und uns so schnell wie möglich wieder auf die Socken gemacht. Durch strahlenden Almrausch und pipifeine Wegerl ging’s zurück ins Tal. Danke Tom, es war uns ein inneres Blumen-Pflücken.

Vom Gletscher zum Bier

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen des Gletschers. Wäre es nicht noch früh in der Saison, hätten wir gerne Ötzi besucht und mit der Runde über den Vernagt-Stausee ein schon lange geplantes Abenteuer durchgeführt. Aber der Schnee und die noch immer geschlossenen Lifte in Südtirol lassen uns andere Pläne schmieden. Wir nutzen nochmal die öffentlichen Verkehrsmittel aka Lifte in der Republik und kurbeln zum Tiefenbach-Ferner. Benjamin gibt uns noch auf den Weg, was Warmes für die Tunnel-Fahrt einzupacken. So rasten wir vor dem Portal, ziehen uns Stirnband und Gilet an und kurbeln los. Schnell wird klar: völlig für die Katz’. Kein Zug, kein Wind, einfach nur warm. Doch mitten im Tunnel bleiben wir auch nicht stehen und kämpfen uns zum Licht am Ende des Tunnels durch. Bei der Geräusch-Kulisse der Motorräder, Busse und Autos wäre es sinnvoller gewesen, Ohrenstöpsel einzupacken. Was soll’s, wir sind durch. Lasset die Spiele beginnen. Wenige Minuten später stehen wir am Trail-Einstieg und freuen uns auf die ewig lange und technisch herausfordernde Querung nach Vent.

Nach einem langen Ritt, viel bergauf und bergab kommen wir gut durchgeschüttelt im Bergsteigerdorf an. Verwöhnt von der mehr als üppigen Infrastruktur und Versorgung innerhalb der Republik, sind wir fast frustriert, als am Ende des Trails kein Imbiss-Stand, kein Zapfhahn und keine Eisdiele in Sicht sind. Letzteres ließ sich aber innerhalb weniger Minuten lösen und schon stürmen 3 unterzuckerte Schleckermäuler das Geschäft. „Wie gewinnt man eigentlich Murmeltier-Öl?“, fragt Axel. Wir sehen uns verdutzt an und greifen in die Tiefkühltruhe. So ein Magnum hat schon was, und nach einem netten Plausch mit der Chefin machen wir uns glücklich auf den Heimweg. „Murmeltieröl, hmmm“ … höre ich Axel hinter mir leise murmeln. Mit diesem Gedanken düsen wir zurück nach Sölden.

Hoch hinaus

Wir verbringen noch zwei weitere atemberaubende Tage im Ötztal. Gemeinsam mit Tom geht’s erneut auf Erkundungstour. Wir sind froh, nicht die Karte studieren zu müssen, und Tom ist froh, dass er „paar Depperte“ gefunden hat, die alles mitmachen. So starten wir vom Kühtai aus ins hochalpine Umland. Eine Überschreitung die Tom schon lange mal versuchen wollte. Webcams aus dem gegenüberliegenden Skigebiet verraten uns zumindest mal, dass es nicht ganz schneefrei sein wird.

Stört uns wenig, um ehrlich zu sein ist es Juni und so mancher von uns kann die ersten Schwünge im Pulver schon gar nicht mehr erwarten *g*. Also macht uns auch ein kleiner Abstecher über Altschneefelder nichts aus. Der angepeilte Weg ist allerdings schwieriger als gedacht. Wir hoppeln von Stein zu Stein und freuen uns, als der Weg im unteren Teil der Tour wieder flowiger wird. Von allem etwas dabei, da kommt Freude auf.

Genau so haben wir uns das Ötztal vorgestellt. Das etwas andere Ötztal, um genau zu sein. Ein guter Mix aus gebauten Strecken, natürlichen Enduro-Trails aber ebenso vielen tollen alpinen Wanderwegen in den umliegenden Bergen. Wir bedanken uns für diese Audienz und sind uns sicher, wir kommen wieder.


Text: Rene Sendlhofer-Schag
Fotos: Rene Sendlhofer-Schag & Axel Berger

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